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Wenn der Haken im Finger der Schwester steckt

Urlaubszeit ist Angelzeit. Dumm nur, dass man meistens außer Ruten und Rollen noch einige Menschen im Schlepptau hat. Dann ist Einfallsreichtum gefragt, um das geliebte Hobby noch ungestört ausüben zu können. Sonst kann es schnell Unfälle geben. Ein paar Tipps für den Sommer.

Freundin/Frau: Verdammt! Ihr von langer Hand vorbereiteter Plan, Schnucki dank einiger Schlüsselwörter zu den fischreichen Gründen Nordnorwegens ("Mitternachtssonne!") oder Südschwedens ("Zwei Ikea-Filialen pro Stadt!") zu locken, ist gnadenlos gescheitert. Stattdessen finden Sie sich Mitte Juli auf einer bislang nahezu unbekannten Insel Griechenlands wieder, auf der nach 26 Stunden Anreise auf rostigen Fähren 45 Grad im Schatten warten. Immerhin konnten Sie die kleine Reiserute doch noch in den Koffer schmuggeln, und Ihnen ist nicht entgangen, dass die Einheimischen im Hafenbecken eine Meerbrasse nach der anderen aus dem Wasser ziehen.

AFP

Doch Vorsicht, nichts überstürzen! Schnucki ist im Urlaub, da können Sie Ihrer Liebsten nicht direkt mit der Sache kommen, mit der Sie schon zu Hause 80 Prozent der Zeit verbringen. Locken Sie sie stattdessen zu diesem kleinen Laden, in dem Alexandros mit seiner Frau Efhtimia Olivenöl verkauft. Während Schnucki mit Efhtimia drei Stunden lang Öle probiert, klönt und ihr Brachial-Griechisch aufbessert, hocken Sie sich mit Alexandros am Hafenbecken. Ohne ein Wort zu reden, versteht sich. Nachteil: Sie müssen noch mindestens drei Wochen lang die Vorträge Ihrer Liebsten über "extra vergine" und Omega-Fettsäuren ertragen. Aber die dicke Meerbrasse war es wert, oder?

Bester Kumpel: Kompliment, Sie haben nach der griechischen Odyssee doch noch ein verlängertes Wochenende mit dem Freund an der holländischen Küste herausschlagen können. Dass das nur ging, weil Sie Schnucki auf einen Fortbildungskurs "Import und Veredlung von griechischen Olivenölen" geschickt haben: Schwamm drüber! Leider hat Ihr bester Kumpel damals nach den ersten Angelversuchen eine andere Karriere eingeschlagen, spielt nun lieber Tennis und hält das Ende der Bambusrute für die letzte technische Revolution beim Angeln.

Doch Vorsicht: Unbekümmertheit nahe der "Scheiß-egal-Einstellung" ist am Wasser eine nicht zu unterschätzende Tugend. Wenn er mit Ihrer Ersatzrute deshalb einen Fisch nach dem anderen rausholt, während Sie noch auf dem Trockenen sitzen: schnell einen Sonnenstich vortäuschen oder ihn zum Frikandel-Special-Essen einladen. Noch besser: Ihn gleich mit der blonden Frikandel-Verkäuferin Antje verkuppeln. Dann haben Sie für die nächsten Tage Ruhe am Wasser.

Vater: Okay, Sie sind menschlich oder finanziell noch nicht soweit, alleine in Urlaub zu fahren und müssen deshalb mit Ihren Erzeugern losdüsen? Keine Panik, es gibt Schlimmeres, immerhin wollen Eltern eher in Gegenden mit gemäßigtem Klima urlauben, Griechenland kommt da nicht so gut. Das Tolle an Vätern ist ja, dass Sie sich für alles interessieren, was der Sohnemann so macht, schließlich wollen sie, dass er irgendwann die Träume lebt, die Sie sich nicht erfüllen konnten (Fußballprofi, Drei-Liter-Benz).

Nach der ersten Enttäuschung, dass der Filius es doch nur zum Angler gebracht hat, entwickelt sich die Neugier, und genau da liegt die Gefahr: Geben Sie Vater Fachzeitschriften, bunte Kunstköder oder das Faltblatt mit den fischereirechtlichen Bestimmungen des Urlaubslandes in die Hand, aber niemals – ich betone: niemals! – die Angel. Sonst ergeht es Ihnen wie mir in jungen Jahren: Ich fischte seit Stunden an einem See auf Barsche, hatte keinen einzigen Biss, dann wollte mein Vater mal die Rute halten – den Rest der Geschichte können Sie sich denken. Ich erzähle sie lieber nicht.

Mutter: Das Tolle an Müttern ist: Es gibt keine angelnden Mütter. Sie packen einem eine gehörige Portion Proviant mit in die Angelkiste, sie sorgen dafür, dass die dreckigen und nach Fisch riechenden Klamotten wieder schön sauber werden, sie unterschreiben blind irgendwelche Abo-Knebelverträge für den "Blinker", geben auch noch mal 20 Euro extra für diese schöne neue Rolle dazu, aber sie wollen niemals – ich betone: niemals! – die Angel in die Hand nehmen. Man sollte zu Ehren dieser Spezies einfach mal einen Tag des Dankes einrichten. Mein Namensvorschlag ist schlicht und einfach: Muttertag!

Schwester: Oh je, die große Schwester! Versucht ja, sich gerade in jungen Jahren im Urlaub gerne mal vom "kleinen, doofen Bruder" abzusetzen und mit den anderen, größeren Kindern Freundschaft zu schließen. Klappt aber meistens nicht, dann lungert sie auch die ganze Zeit beim Angeln um einen rum, mit dieser für große Schwestern typischen Mischung aus Neugier und Abscheu.

Deshalb ist größte Vorsicht geboten: Vor geplanten Überkopf-Rekordwürfen immer schauen, wo sich die Schwester gerade befindet. Sonst schauen Sie ein paar Sekunden später vergeblich nach dem davonfliegenden Köder, der Haken steckt derweil schön im Daumen der engen Verwandten. Da gibt es dann nur zwei Möglichkeiten: Verwandtschaft leugnen ("Ich bin im Krankenhaus vertauscht worden!") oder Brutaloperation. Mit einem Schuss griechischem Olivenöl lässt sich der Haken meist leichter lösen. "Extra vergine", wohlgemerkt.

Quelle: www.spiegel.de

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