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Angelschnur wie ein Abschleppseil

Viele Angler zweifeln am Riesenwels aus dem Neckar bei Kiebingen

ROTTENBURG."Mega-Waller aus deutschen Landen" titelt der "Blinker", Europas größte Anglerzeitschrift, im September-Heft. Es geht um den riesigen Wels, den zwei Angler am Abend des 20. Juli aus dem Neckar gezerrt haben."Gezerrt haben wollen", wird mancher Skeptiker ergänzen. Inzwischen tauchte der Verdacht auf, der Wels komme aus dem benachbarten Bischoff’schen Baggersee. Die Angler sollen eine eidesstattliche Erklärung abgeben.

Der Riesenwels war das Gesprächsthema in diesem Sommer; manche Leute machte der Gedanke Gruseln, bei einem Bad im Neckar solch einem Gesellen mit 89 Kilo Gewicht und 2,47 Meter Länge vor die Kiemen zu schwimmen. Nicole Fiore etwa sagt:

"Ich geh’ nicht mehr in den Neckar seither." Die Lichtpauserei Fiore an der Sprollstraße hatte das Amateurfoto von dem Wels – am 11. August farbig im TAGBLATT – auf Originallänge des Fisches vergrößert und ins Schaufenster gehängt. Es sollte ein Geschenk sein an den Fischereiverein Kiebingen. Denn dessen Vorsitzender Werner Pahl hatte dem TAGBLATT gesagt, der Fisch hätte ob seiner gigantischen Ausmaße kaum ins Vereinsheim gepasst.

Das war sicher eine Verlegenheitserklärung, die über den Schmerz hinweghelfen sollte, dass der größte, jemals im deutschsprachigen Raum gefangene Wels nicht als Trophäe in Kiebingen blieb, sondern nach Hamburg an den Verlag des"Blinker" verschenkt wurde. "Dann sollen sie wenigstens ein Bild haben", dachten sich die Fiores und machten die Super-Kopie."Unglaublich, aber wahr", hatten sie dazu geschrieben, was ganz Clevere zu dieser Vermutung animierte: Das Foto vom Wels mit dem kleinen Kind, das daneben saß, sei eine geschickte Montage, die bei der Lichtpauserei Fiore hergestellt wurde. SPD-Jungstadtrat Giovanni Fiore macht ja eine Ausbildung als Mediengestalter.

Doch der Wels existiert. Er wird in einer Präparatoren-Werkstatt in Österreich für einen fünfstelligen Betrag dauerhaft in Schale geworfen. Angeblich soll er irgendwann mal in Kiebingen zu sehen sein; das hängt vom Entgegenkommen des"Blinkers" ab, der das Tier für eigene Werbezwecke auf Anglermessen präsentieren wird. Der Kiebinger Wels wird übrigens nicht in der – vom"Blinker" geführten – Hitparade der Rekordfische genannt, weil die beiden Angler ihre Namen nicht veröffentlicht sehen wollen. Und deshalb hat die Zeitschrift auch niemanden geschickt, der den Fang an Ort und Stelle bezeugt hätte.

Die Verdächtigungen, dass die beiden Angler den Fisch vielleicht aus Spanien herangekarrt hätten, um hier zu protzen, sind haltlos. Zwar sind dort im Fluss Ebro Welse solchen Kalibers nicht selten, aber erstens haben die beiden Wels-Angler nicht geprahlt, sondern sich dünne gemacht. Und zweitens hätte jeder Präparator sofort gesehen, wäre solch ein Tier nicht mehr frisch gewesen und über tausend Kilometer herangekarrt worden. Der Fisch wurde hier gefangen. Ob er allerdings im Neckar gefangen wurde, ist zweifelhaft unter den Experten. Manuel Konrad, Fischereisachverständiger beim Regierungspräsidium hält einiges für möglich, was in der Natur passiert, sogar einen Wels dieser Größe im Neckar. Bei den Anglern halten sich Gläubige und Skeptiker die Waage."Fünfzig zu fünfzig", sagt Rainer Schuler über die Stimmungsverteilung beim Kreisfischereiverein Tübingen. Da das Kiebinger Stauwehr lange Zeit und bis Mitte vorigen Jahres repariert und umgebaut worden war, hätte sich solch ein Monstrum von Fisch nie und nimmer halten können in dem bisschen Neckarwasser, selbst wenn es sich in einem Gumpen verkrochen hätte. Ein Wels dieses Formats verspeist Zehn- und Zwanzigpfünder Karpfen, der wäre in einem Gumpen glatt verhungert, zweifelt der Rottenburger Angler Werner Melewzik.

Was stutzig macht, sind die wechselnden Begründungen der beiden Angler für ihren Verzicht auf Rekord und Popularität. Einmal sollen es private Gründe gewesen sein, um die Ehefrau vor Aufregung zu schützen. Dann hieß es, wer mit solch einer Geschichte in der Zeitung stehe, sei vor schmähenden Telefonattacken von selbst ernannten Tierschützern nicht mehr sicher. Dem"Blinker" gegenüber jedoch sagten die Wels-Angler, sie wollten deshalb nicht genannt sein, weil das Fischgewässer neu zur Verpachtung anstehe – und die Meldung von solch einem dicken Fang treibe die Pacht in ungeahnte Höhe. Diese Begründung war für Heinz Bormann, Redakteur beim"Blinker", einleuchtend. Bormann hat"etliche Male" mit dem Rekord-Angler telefoniert und charakterisiert ihn so:"Der Mann ist absolut nicht öffentlichkeitsgeil. Das ist ein sehr netter Mann, absolut glaubwürdig." Hätte sich der Angler zu seinem Riesen-Wels bekannt, wäre ihm ein drei- bis vierseitiger Bericht im"Blinker" sicher gewesen. Rottenburgs Erster Bürgermeister Volker Derbogen ist zuständig für die Verpachtung der hiesigen Fischgewässer. Er hat nachgesehen: Neu zu verpachten ist in nächster Zeit nichts.

Dass das Angler-Duo nicht zufällig an den Wels geriet, beweist die verwendete Anglerschnur: laut"Blinker" eine "0,60er Leitner Dyna-Cast"."Das ist ein Abschleppseil", sagt Rainer Schuler dazu. Als Köder wurde ein totes Rotauge befestigt. Die beiden wussten also, dass sie sich auf Großfischjagd begaben. Beide Männer sollen nicht aus Kiebingen und keine Vereinsmitglieder sein, sondern auf Gastkarte fischen.

In Anglerkreisen ist bekannt, dass im Baggersee Bischoff Welse sind. Werner Melewzik von den Rottenburger Fischerfreunden hat dort vor zwei Jahrzehnten Welse eingesetzt. Die waren damals schon ordentlich beieinander, sagt er. Zwei Welse in der Größenordnung des im Juli gefangenen könnten schon im Bischoff-See sein, sagt er. Aber auch:"Ich kann nichts beweisen, deshalb kann ich auch nichts behaupten."

Manuel Konrad hat Werner Pahl, dem Vorstand vom Kiebinger Fischereiverein empfohlen, die beiden Angler sollten eine eidesstattliche Erklärung abgeben, dass sie den Wels aus dem Neckar haben. Kämen sie dem nicht nach, wäre es verdächtig. Bislang liegt diese Erklärung nicht vor, sagte Pahl gestern auf TAGBLATT-Anfrage, aber es war auch Urlaubszeit. Ein Vorstandsmitglied, sagte Pahl, habe den Wels gesehen, als er noch gezuckt habe. Deshalb könne er bestätigen, dass der Fisch hier gefangen wurde. Dass er aber auch im Neckar gefangen wurde, könne der Vorstandskollege nicht bezeugen.

Quelle: www.tagblatt.de

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